Prost!

Wenn ich ein paar Jahre jünger wäre, würde meine Nase sich vielleicht an der Scheibe platt drücken und einen fettigen Fleck hinterlassen. Komisch ruhig heute. Hier und da qualmt ein Schornstein, kein Auto auf der Straße. Die Familie da drüben schiebt jemanden im Rollstuhl die Straße entlang. Nein, auf den Abend zu. Heute Abend ist besonders. Sagte man mir. Demjenigen, der da drüben schon in unbändiger Vorfreude eine Leuchtkugel-Batterie angezündet hat und im Schutze seiner Gartenlaube drum herum tanzt, wie ein Indianer beim Versuch seinen Wettergott zu überreden, wurde das wohl auch erzählt. Jetzt habe ich lange die grünen und roten Punkte angeschaut. Der Rollstuhlfahrer ist weg. Die Rauchschwaden sind noch da.

Die Abendsonne scheint angestrengt noch ein letztes Mal im Jahr 2007 des gregorianschen Kalenders. Wäre es nicht überall so feucht draußen, hätte ich noch ein bisschen inline-skaten können. Wenigstens etwas Bewegung. Ein letzter Versuch der Seolbstmitleid geschwängerten Luft meiner Zelle zu entrinnen. Ach nee, eigentlich ist es ganz gut so. Muss ich mich wenigstens nicht bewegen. Oh, an die Nachbarshäuser prallt nun eine immer mehr gelblich-orange-farbene Suppe. Das ging mir jetzt zu schnell.

Dank des Tagesrhythmus, zu dem mich mein Körper in mühevoller Arbeit überredet hat, bin ich vorbereitet für heute Nacht. Um 1 Uhr mittags aufstehen – die Läden hatten noch bis 14 Uhr auf. So kann ich meine gequälte Seele, die bis dahin in das „frohe neue“ Jahr geschlittert ist, mit der eingekauften Milch beruhigen. Wie sonst. Ein letzter Rest Kontinuität in einem bewegten Leben. Das mit dem Silvester-Verschlafen klappt dann wohl aber nicht mehr, wenn man die letzten 10 Tage immer erst um drei bis vier Uhr ins Bett gegangen ist. Nein, ich meine die Fernbedienung weggelegt hat. So kann ich mir das schön anschauen. In voller Länge. Und länger – bis es wieder still ist. Es gilt eine Lebensweisheit aus meinem Elternhaus: „Da brauche ich nicht hingehen. Das Feuerwerk kann ich auch hier im Wohnzimmer sehen.“ Der Motor des verstellbaren Sessels ächzt. Wenn mal nicht der 31. Dezember ist wird alternativ über das kollektive Politik-Versagen gemault: „Das hab ich damals schon gesagt. Das ist mittlerweile aber auch schlimm, das kann ja nicht ewig so weitergehen!“

Aus dem sechsten Stock kann man hervorragend sehen. Auf einem leeren Parkplatz – in grau. Auf dem Balkon, der aus meinem Wohn- und Schlafzimmer, der Küche, dem Flur, Hobby- und Abstellraum, überflüssig wie ein Pickel am Arsch, abgeht ist es kalt. Irgendwo dahinten hinter den Hallen, Kränen und Dunstwolken liegt die Stadt. Ganz schön weit weg.

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