Monatsarchiv für Februar 2010

 
 

David Schnarch sagt…

…die Kunst einer guten dauerhaften Paarbeziehung besteht in echter Intimität und Entwicklung. Damit meint er nicht (nur) die Intimität beim Sex sondern “vollkommen”. Die Maske abnehmen und sich selbst zeigen, ganz und ehrlich die eigene Persönlichkeit ausleben. Der Schlüssel hierzu ist seiner Meinung nach eine gute Differenzierung der Partner.
Im Gegensatz zu dem Zustand den er “emotionale Verschmelzung” nennt, erlaubt Differenzierung Bewegung und Weiterentwicklung durch Anerkennung der Tatsache, dass Partner eben nicht im selben Boot sitzen. Sie fahren jeweils in ihren eigenen Nussschalen nebeneinander her und aus bloßer Zuneigung segeln sie zusammen möglichst lange in die gleiche Richtung. Als Voraussetzung nennt er hierfür die Fähigkeit der Angstregulation als einzelnes Individuum. So ermöglicht sie erst Stabilität und ein “Auffangen” des Partners und der Beziehung in Stresssituationen. Durch Konzentration auf die eigene Entwicklung, das ich was man selbst sein möchte, arbeitet man sich weniger an den Unzulänglichkeiten des Partners ab.
Eine Beziehung kann nicht dauerhaft in der “Komfortzone” sein. Der Versuch muss auf Dauer fehlschlagen, wenn äußere Bedingungen oder innere Gründe eines Partners zur Bewegung anregen. Im Fall der Abhängigkeit von dem vom Partner gespiegelten Selbstbild treten Ängste auf, die einer Entwicklung entgegen zu wirken versuchen. In dieser Verschmelzung ist keine Bewegung mehr möglich, der Partner fühlt sich unter Druck und/oder kontrolliert. Und nun ist man an dem Punkt, der Feuerprobe (“crucible”), an dem Partner sich entscheiden müssen: Zusammen wachsen oder…?

Streckenweise sind die 480 Seiten etwas dröge zu lesen, manchmal etwas lustig und auch erschreckend real. Für mich ist das schon ein grenzwertiges “Lesevergnügen” gewesen. Oft gab es Stellen, die ich nur schwerlich nachvollziehen konnte (wollte?) und die mir zu ausführlich vor kamen. Das Buch doch endlich „durch” haben und mich etwas Neuem widmen wollte ich auf jeden Fall. Abschließend nun drei Stellen, die mir besonders gefallen haben:

“Ich kann nicht voraussetzen, dass du meine Sicht der Dinge teilst. Du bist nicht auf der Welt um mich zu bestätigen und zu sagen, dass ich alles richtig mache. Ich will aber, dass du mich liebst – und das geht nur wenn du mich wirklich kennst. Ich will nicht, dass du mich ablehnst – aber ich muss das riskieren, wenn ich mich bei dir wirklich angenommen und geborgen fühlen möchte. Es ist an der Zeit, mich dir so zu zeigen, wie ich bin und empfinde, und mich der Tatsache zu stellen, dass ich ein von dir getrenntes, sterbliches Wesen bin. Eines Tages werden wir nicht mehr zusammen sein, und ich wünsche mir, dass du mich dann wirklich gekannt hast.”

(Kapitel 4, Seite 129, Intimität ist nichts für Zaghafte)

“Kein Wunder, dass so viele von uns das Gefühl haben fest zu stecken. Vorankommen heißt wählen. Das Aufrechterhalten des Status quo nährt die Wunschvorstellung, niemals wählen zu müssen, oder die Illusion, dass man nur lange genug Warten müsse, bis die Wahlmöglichkeit auftaucht, die man sich wünscht.
Sie können sich nicht dafür entscheiden, überhaupt nicht zu wählen – es sei denn, Sie hindern Ihren Partner daran, Entscheidungen zu treffen, die ihr Leben beeinträchtigen”

(Kapitel 11, Seite 352, Zweier-Dilemmata und der normale Sadismus)

“Eine glückliche Paarbeziehung erfordert Mut, Flexiblität und Vertrauen. Wir glauben häufig, es sei leichter, glücklich als unglücklich zu sein, aber würde nicht, wenn das der Fall ist, mehr Menschen nach diesem Prinzip leben? Glück füllt nicht die Leere, die entsteht, wenn man sich endlich von Komplexen befreit und Konflikte löst. Das ist nur der halbe Prozess. Sie müssen sich immer nich selbst Halt geben. Sie müssen sich den Tragödien des Lebens behaupten und sie nicht internalisieren. Eine wunderbare Paarbeziehung macht das Leben nicht leicht oder schmerzlos. Es macht die Mühe nur lohnender und den Schmerz sinnvoller.”

(Kapitel 14, Seite 473, Sexualität, Liebe und Tod)

Blick nach Stellingen, Eidelstedt, Langenfelde, Eimsbüttel

Und ganz am Horizont sind die Hafenkrane mit den roten Positionslichtern zu sehen – wenn man die große Version der Bilder hat ;-)

Leben! Ausleben, erleben, überleben?

Die Frage ist aus meinem derzeitigem subjektiven Gefühl geboren, dass ich irgendwie nie “Zeit” habe. Das ich mich im Alltag eingeklemmt fühle, dass ich die Woche über eigentlich nur Sachen mache zu denen ich mich gedrängt fühle. Am Wochenende verbringe ich dann meist eine gute Zeit und erhole mich :-). In letzter Zeit hat das zudem sehr oft mit Nina geklappt (Danke dafür!). Doch das, was ich mal “kreativ” nebenbei gemacht habe findet heute kaum mehr Raum – um nicht zu sagen gar nicht mehr. Jedenfalls subjektiv. Weil es Zeit braucht. Ich meine damit nicht etwas zu machen, weil man es braucht sondern, weil man Lust dazu hat. Weil es vielleicht gerade unproduktiv aber auf irgendeine Weise interessant oder faszinierend ist. Also was lässt das “Arbeitsleben” davon übrig? In der Woche?

Die Grenze zwischen “leben” und “überleben” ist für mich fließend und einiges ist nicht ganz eindeutig zu zuordnen. “Erleben” kann ebenfalls beides sein. Sachen wie Essen, Schlafen, Putzen, Körperpflege, von-A-nach-B-Fahren oder Einkaufen sind solche Fälle. Beim “Leben” stresst sich nicht, “erlebt” das Ganze und kann sich dabei evtl. auch ausdrücken. Vor allem beim Essen habe ich unlängst (wieder) gelernt, wie man das entspannt machen kann – dann ist schon mehr als Nahrungsaufnahme. Der Haken ist: Im Alltag alles nicht durchführbar. Warum? Weil man es einfach nicht schafft. Also entweder unrasiert zur Arbeit geht oder hungrig oder unausgeschlafen. Oder man kauft doch nicht dort, wo man eigentlich will. Weil z.B. der Tee besser ist aber eine halbe Stunde mehr Fahrtzeit ein zu rechnen wäre, die man vielleicht aber braucht um später zu telefonieren. Weil sonst andere Menschen – verständlicherweise – enttäuscht sind, dass man sich nicht kümmert.
Wenn die Arbeit Spaß macht so kann ich das durchaus noch als einen Zustand beschreiben, der etwas mit “leben” zu tun hat. In dem Fall, dass man wenig zufrieden ist mit der Art, des Anspruchs, der Umgebung oder der Dauer seiner Arbeit ist es aber doch eher ein “überleben”. Ich denke, das ist ein so schrecklicher Zustand, dass ich es erstaunlich (eigentlich eher erschreckend) finde wie viele Menschen sich darin befinden. Die Gesichter in den Berufspendler-Bahnen und -Bussen sprechen alle diese Sprache. Wie selten toll ist es, dass man mal jemanden lachen sieht? :-)

Was ist also “das Leben”? Viel besungen, verhassliebt und auf dieser Welt. Wollen wir alle das Gleiche? Ich denke nicht. Zumindest nicht im Inhalt. Für mich ist “leben” glaube ich eine bestimmte innere Ruhe. Damit meine ich nicht Stille, sondern eine Reibungslosigkeit zwischen Wünschen, Erwartungen, eigenen Ansprüchen und dem was man lebt. Oder leben muss – zumindest zeitweise. Dazu gehören dann wieder Sachen, die ich oben schon beschrieb. Aber zusätzlich noch anderes, was das Leben zu dem macht, was ich “lebenswert” nennen würde. “Ausleben” ist für mich, denke ich, “nur” noch eine Steigerung von “leben”, gleichwertig mit “erleben” und kann durchaus etwas “Neues” (bisher nicht “gelebtes”) enthalten. Es bedeutet manchmal Veränderung, etwas Unkonventionelles, eine liebevoll komische Eigenart, selten etwas, was nicht “normal” ist.

Wäre ich eine in sich ruhende Person würde ich mich gerne und viel “kreativ”, also irgendetwas schaffend, betätigen. Eine die sich austauschen und verschiedene Einstellungen verstehen möchte, die Wärme spüren und geben will, die Lachen mag und nicht alles zu Ernst nimmt, die ankommt ohne stehen zu bleiben, die neugierig und offen bleibt. Die sie sich mit dem identifiziert, was sie täglich tut, das möglichst gut macht und sich am Ergebnis misst. Die eine Perspektive sieht. Der es möglich ist beides, die umgebende Gesellschaft und sich selbst in eine Art “Balance” zu bringen, in der sich “Ruhe” einstellt – und Wärme nicht durch Reibung erzeugt wird!

“Ruhe” wird oft in Resignation gefunden Resignation (von fast allen Menschen praktiziert und dabei manchmal als “Pragmatismus” versteckt). Oder in Akzeptanz und Assimilation. Oder gar nicht.
Verschiedene Blickwinkel erlauben auch verschiedene Bewertungen von Situationen und so sowohl das “Überleben” als auch das “Leben” in ihnen.

Und Freitagnachmittag ist ein ziemlich guter Blickwinkel. Mit Perspektive :-)